So essen Kinder gesund: „Vielfalt ist bei der Kinderernährung das Wichtigste“

Ernährungswissenschaftler Harald Seitz vom aid infodienst

Ernährungswissenschaftler Harald Seitz vom aid infodienst, © aid infodienst

 

Eine ausgewogene Ernährung für Kinder ist ganz einfach. Das erfährt KinderKoch im Interview mit Harald Seitz, Ernährungswissenschaftler und Pressesprecher des aid infodienst Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz in Bonn. Außerdem verrät uns Seitz, ob Fischstäbchen gesund sind, ob eine vegane Ernährung für Kinder möglich ist, warum Trinken wichtig ist und wie wir unsere Ernährung leicht selbst überprüfen können. Auch eure Eltern können hier noch einiges lernen.

KinderKoch: Wie sieht eine gesunde Ernährung für Kinder aus?

Harald Seitz: Viel Frisches, viel Abwechslung und gemeinsam essen. In Deutschland leben wir in einem Schlaraffenland, was die Vielfalt der Lebensmittel angeht. Vielfalt ist bei der Kinderernährung das Wichtigste, weil als Kind das Essverhalten geprägt wird. Sonst isst man als Erwachsener auch immer das Gleiche und dann kann ein Mangel an wichtigen Nährstoffen und Vitaminen auftreten. Man sollte viel saisonales Obst und Gemüse essen, unverarbeitete Produkte kaufen, viel ausprobieren und in der Küche ein wenig zaubern. Dabei kann man Kinder leicht einbeziehen. Zum Beispiel bei der Lebensmittelauswahl. Im Supermarkt gibt es derzeit eine große Auswahl an Obst und Gemüse: Nektarinen, Pfirsiche, Plattpfirsiche, Kirschen, Erdbeeren. Da kann man auch einfach dem Kind die Wahl lassen, was es Neues ausprobieren will. Ganz wichtig sind bei einer gesunden Ernährung die Eltern: Sie müssen die Vielfalt vorleben. Auch gemeinsames Essen ist wichtig. Gemeinsame Mahlzeiten stärken den Familienzusammenhalt und fördern besonders bei jüngeren Kindern die Sprachentwicklung.

KinderKoch: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag. Warum ist das wichtig?

Harald Seitz: Diese fünf Portionen sind nur eine rechnerische Größe, bei der man sicher ist, dass genügend Vitamine und Mineralien aufgenommen werden. Diese Regel ist aber auch umstritten. Die wenigsten Menschen schaffen es nämlich, jeden Tag fünf Portionen Obst und Gemüse zu essen. Wenn sie nur drei Portionen schaffen, denken sie vielleicht „Dann kann ich es auch gleich lassen“. Ich würde den Leuten nie vorschreiben, was und wie viel sie essen sollen. Wenn man die Lebensmittelvielfalt nutzt, nimmt man automatisch mehr Vitamine und Nährstoffe zu sich.

KinderKoch: Fisch ist gesund und sollte ein- bis zweimal pro Woche auf den Teller. Bei Kindern stehen vor allem Fischstäbchen hoch im Kurs. Sind die gesund? Was wäre besser?

Harald Seitz: Von gesund kann man bei Fischstäbchen nicht reden, aber sie sind okay. Eine bessere Alternative zu Fischstäbchen ist aber alles an Fisch, was nicht paniert ist. Die Panade ist billiger als der Fisch, daher ist an einem Fischstäbchen oft mehr Panade als Fisch. Außerdem saugt die Panade beim Braten viel Fett auf. Besser ist Fischfilet. Da hat man auch keine Gräten. Fischstäbchen sind aber immer noch besser als gar kein Fisch.

KinderKoch: Immer mehr Menschen entscheiden sich, auf Fleisch zu verzichten und werden Vegetarier. Ist eine vegetarische Ernährung für Kinder gesund?

Harald Seitz: Bei Kindern ist eine vegetarische Ernährung machbar, aber die Eltern müssen sehr, sehr genau auf die Ernährung achten. Wenn zum Beispiel die ganze Familie nicht vegetarisch isst und man sich als einziger Vegetarier nur von den Beilagen ernährt, kann es vielleicht zu einem Mangel an Nährstoffen kommen. Als Vegetarier sollte man vor allem auf genügend Vitamin B12 und Eisen achten (Anm. d. Red.: Vitamin B12 ist wichtig für die Blutbildung und das Nervensystem. Eisen ist wichtig für den Transport von Sauerstoff im Blut.). Bei Kindern ist eine vegetarische Lebensweise kein großes Problem, wenn man sich mit Ernährung auskennt und weiß, was man macht.

Hier kannst du die Infografik als PDF herunterladen.

KinderKoch: Wie sieht es mit einer veganen Ernährung aus, bei der auch auf Lebensmittel wie Milch, Eier und Käse verzichtet wird?

Harald Seitz: Bei der veganen Ernährung für Kinder scheiden sich die Geister. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ist dagegen. Kritiker bemängeln aber, dass sich die DGE auf Studien zur makrobiotischen Ernährung beruft, die eine andere Art der Ernährung ist. Aber: Wenn schon bei einer vegetarischen Ernährung die Wahrscheinlichkeit von Mangelerscheinungen gegeben ist, dann ist sie bei der veganen Ernährung viel höher. Ich persönlich würde mein Kind nicht vegan ernähren. Dafür gibt es mir viel zu wenige aktuelle Studien. Ich würde mein Kind nicht als Versuchskaninchen hernehmen. Als Veganer muss man dreifach auf die Ernährung achten und sich wirklich mit den Vitaminen, Nährstoffen und den Zusammenhängen auskennen.

KinderKoch: Tierische Lebensmittel enthalten wichtige Nährstoffe, wie Kalzium, Vitamin B12, Vitamin D oder Eisen. Wie viel Fleisch sollte man pro Woche essen?

Harald Seitz: Fleisch kann man zwei- bis dreimal pro Woche essen. Allerdings kommt es darauf an, was für Fleisch ich esse. Wenn ich dreimal die Woche jeweils einen Fleischwurstring esse, ist das nicht so gut wie Hähnchenbrust. Generell essen wir in Deutschland zu viel Fleisch und nehmen damit zu viele Kalorien und zu viele gesättigte Fettsäuren zu uns.

KinderKoch: Oft haben Kinder morgens noch keinen Hunger. Kann man das Frühstück gesund ersetzen?

Harald Seitz: Auf gar keinen Fall sollten Kinder mit leerem Magen aus dem Haus gehen. Sie müssen nichts essen. Es reicht schon, wenn sie ein Glas Kakao oder Milch trinken. Wenn man nichts im Magen hat, kann man sich in der Schule nicht mehr konzentrieren und ist nicht so aufmerksam. Die Eltern spielen auch eine große Rolle. Sie müssen es den Kindern vorleben, morgens zu frühstücken. Man kann das als Elternteil auch ruhig als Regel formulieren und sich gemeinsam morgens hinsetzen. Die Eltern trinken ihren Kaffee und das Kind seinen Kakao.

KinderKoch: Warum ist Trinken wichtig?

Harald Seitz: Der Mensch besteht zu 50 bis 75 Prozent aus Wasser. Der Körper benötigt die Flüssigkeit, damit er funktionieren kann, damit die Organe funktionieren und damit das Blut flüssig bleibt, um Nährstoffe transportieren zu können. Wenn man zu wenig trinkt, geht es einem insgesamt schlechter. Das reicht von Müdigkeit bis hin zu Aggressivität. Bevor man sich also das nächste Mal über seinen Lehrer aufregt, sollte man vielleicht erst ein Glas Wasser trinken.

KinderKoch: Wie viel und was sollten Kinder zwischen 8 und 14 Jahren pro Tag trinken?

Harald Seitz: Kinder zwischen 8 und 14 Jahren sollten etwa einen Liter pro Tag trinken, die 14-Jährigen auch gerne mehr. Mehr zu trinken ist kein Problem. Aber auch hier kommt es darauf an, was man trinkt. Um seinen Tagesbedarf zu decken, sollten Kinder und Erwachsene Wasser, Saftschorlen oder Tees trinken. Alles andere, wie zum Beispiel Cola oder Eistee, ist eine Süßigkeit. Ein Liter Cola enthält 36 Stücke Würfelzucker. Cola ist aber nicht nur wegen der vielen Kalorien ungesund, sondern enthält auch Phosphor, was schlecht für die Zähne und den Magen ist.

KinderKoch: Warum sollte man Schokolade, Bonbons und Kuchen nur selten essen?

Harald Seitz: Süßigkeiten haben zu viel Fett, zu viel Zucker und zu viele Kalorien. Darum sollte man sie nur selten essen. Aber ein Verbot nützt nichts. Süßigkeiten gehören dazu, aber in Maßen. Sie sind nicht zum Sattessen da. Dafür gibt es Gemüse, Kartoffeln, Nudeln und Obst. Und ganz wichtig für die Eltern: Süßigkeiten sollten nie als Belohnung eingesetzt werden.

KinderKoch: Wenn ich als Kind merke, dass meine Klassenkameraden dünner sind und manche mich deswegen ärgern: Was kann ich als Kind tun, damit ich nicht dick werde?

Harald Seitz: Zunächst sollte ich mir die Frage stellen: Fühle ich mich wohl in meinem Körper? Die wenigsten werden entschieden „Nein“ antworten. Bei einem zögerlichen „Ja“ kann man etwas ganz Einfaches tun: Man schreibt einfach drei Tage lang auf, was man isst und trinkt, zu welcher Uhrzeit und zu welchem Anlass. Das nennt sich Ernährungsprotokoll. Beim Trinken braucht man nicht jeden kleinen Schluck aufschreiben, sondern nur, wenn man zum Beispiel ein ganzes Glas leer getrunken hat. Wenn man sich das Protokoll nach drei Tagen anschaut, sagt einem meist schon der normale Menschenverstand, egal ob bei Erwachsenen oder Kindern, ob das, was man gegessen hat, gut war oder nicht. Und wenn es nicht so gut war, dann sollte ich fürs Pausenbrot lieber einen Apfel mitnehmen als eine Milchschnitte. Mit so einem Ernährungsprotokoll funktioniert das super. Auf keinen Fall sollten Kinder aber eine Diät machen. Im Internet gibt es Vorlagen für Ernährungsprotokolle und wir haben auch eine App entwickelt.


Hier könnt ihr eine Vorlage für euer KinderKoch-Ernährungsprotokoll herunterladen. (dk)

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