Kinder miteinbeziehen, Vertrauen haben und Vorbild sein – so klappt gesunde Kinderernährung

Ernährungswissenschaftlerin Edith Gätjen

Ernährungswissenschaftlerin und Kochbuchautorin Edith Gätjen, © Edith Gätjen

Eine gesunde Ernährung fängt bereits im Mutterleib an, auch kleine Kinder können schon viel in der Küche selber machen – und man kann mit seinem Essverhalten viel für den Umweltschutz tun. Das und mehr sagt die Ernährungswissenschaftlerin und Kochbuchautorin Edith Gätjen im Gespräch mit KinderKoch.

KinderKoch: Warum ist eine gesunde Ernährung so wichtig, gerade für Kinder?

Edith Gätjen: Das ist zunächst wichtig, damit sie lange gesund und in guter Qualität leben können. Außerdem werden in jungen Jahren Ernährungsgewohnheiten festgelegt, die uns ein Leben lang begleiten.

Abgesehen davon haben Kinder natürlich einen erhöhten Energie- und Nährstoffbedarf, weil sie wachsen. Dazu brauchen sie gute Qualität, das funktioniert nicht mit Zucker und Weißmehl.

KinderKoch: Kinder haben es am liebsten bunt und süß. Wie kann man sie am besten von einer gesunden Ernährungsweise überzeugen?

Edith Gätjen: Damit fängt man am besten schon in der Schwangerschaft an. Ab der 8. Schwangerschaftswoche isst das Kind an der Familienküche mit, weil das Fruchtwasser danach schmeckt. Das geht weiter in der Stillzeit, denn auch die Muttermilch nimmt den Geschmack der Familienküche an.

Dann kann man die Beikost selbst herstellen, sodass die Breie auch immer unterschiedlich schmecken und die Kinder mitbekommen, dass da mit Liebe etwas für sie gekocht wurde.

Am Familientisch dann – ja, es stimmt, dass Kinder eine eindeutige Präferenz für Süßes haben, das ist auch evolutionsgeschichtlich gut begründbar. Aber es kommt darauf an, was ich anbiete, ob ich dieser Präferenz ständig nachgebe. Ganz wichtig ist von klein auf: das Vorbild der Eltern, dass die Kinder machen, was alle machen, dass nicht mit Verboten gearbeitet wird. Es gibt ja in dem Sinn keine ungesunden Lebensmittel, es gibt nur ein Zuviel oder ein zu Einseitig.

Man muss auch versuchen, die Kinder zu verstehen – viele tragen ihre Entwicklungsaufgaben übers Essen aus. Deshalb ist eine Esserziehung wichtig. Ernährungserziehung können auch Kindergarten und Schule leisten. Aber Esserziehung muss zu Hause stattfinden.

KinderKoch: Was verstehen Sie unter Esserziehung?

Edith Gätjen: Dass Kinder lernen, dass das gemeinsame Essen mehr ist als nur Nährstoffaufnahme. Dass da soziale und andere Komponenten mit hineinspielen. Dass Eltern einkaufen, kochen und gemeinsam essen als pädagogische Zeit ansehen. Das verpassen viele. Wenn die Kinder so 1 1/2 sind, verpassen viele Eltern den Zeitpunkt. Im ersten Lebensjahr werden die Kinder bedürfnisorientiert ernährt. Ab etwa 1 1/2 Jahren sollen die Kinder auch lernen, ihre Bedürfnisse aufzuschieben.

Oft hat die Sorge Vorrang vor dem Erziehungsthema. Ich höre oft in meinen Seminaren: „Eigentlich wollte ich es ja nicht, aber mein Kind hat die Milch so nicht getrunken. Deshalb gebe ich ihm jetzt Kakao, dann trinkt es wenigstens die Milch.“ Man muss dann die Sicherheit haben zu sagen – entweder du trinkst die Milch so, oder eben nicht.

Gedeckter Tisch

Das gemeinsame Essen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme.

Aber Eltern haben einerseits keine Lust auf Diskussionen – Erziehung ist mühsam! Und andererseits machen sie sich Sorgen, das Kind könnte verhungern. Im ersten Lebensjahr ist die Sorge essenziell, aber ab dem ersten Geburtstag muss man auch ein Vertrauen entwickeln, dass das Kind am gedeckten Tisch nicht verhungert.

Man sollte auch nicht ständig Essen anbieten. Das Kind weint, also gibt man ihm Milch, Schnuller oder sonst etwas. Ganz oft wird dabei das tatsächliche Bedürfnis nicht gesehen.

Erwachsene müssen in dem, was sie am Esstisch tun, ganz sicher sein, authentisch sein und das auch umsetzen. Wenn sie anfangen, das zu hinterfragen, spürt das Kind das sofort. Und sie müssen Vertrauen in das Kind haben. Auch wenn das schwierig ist.

KinderKoch: Wie kann man Kinder in der Küche am besten mit einbeziehen?

Edith Gätjen: Das geht von ganz klein an. Schon mit drei bis vier Monaten kann man die Kleinen auf eine Decke in die Küche legen, sodass sie beim Kochen dabei sind. Wenn dann die Beikost eingeführt wird, kann man ihnen auch etwas in die Hand drücken, eine Möhre oder ein Stück Kohlrabi. Mit etwa 1 1/2 bis zwei Jahren können sie schon weiche Dinge, Bananen, Avocado, Aprikosen, Brot schneiden. Und sie können helfen beim Unterrühren. Man muss aber darauf achten, dass der Küchenplatz gut gesichert ist. Wenn ein Brettchen keine Saugnäpfe hat, legt man ein feuchtes Tuch drunter, damit es nicht verrutscht. Das Messer ist scharf, aber vorne abgerundet. Viele geben den Kindern stumpfe Messer, aber damit tut man sich viel eher weh. Mein Lieblingsmesser für Kinder in der Küche ist das Opinel-Kindermesser. Das hat eine dünne Klinge, damit kann man besser schneiden, und der Griff ist für Kinderhände gut zu halten.

Ab drei, vier Jahren können die Kinder dann mehr schneiden, auch mal was putzen, mit Hilfe den Mixer halten, Hefeteig zu Figuren formen – das lieben sie –, Plätzchen ausstechen, Pizza belegen, Obstteller herrichten, Tisch decken.

Ab drei, vier kann man sie auch in die Planung mit einbeziehen, was essen wir morgen. Und sie auch beim Einkaufen mit Aufgaben losschicken – such mal die Bananen. Dann sind sie beschäftigt und quengeln nicht nach dem nächsten Überraschungsei.

Mit sechs, sieben Jahren können sie dann schon kleine Aufgaben selber übernehmen, Nudeln kochen oder ein Spiegelei braten, mit acht, neun dann einen Kuchen backen. Man muss die Kinder nur reinlassen in die Küche! Viele machen das leider nicht, weil es Dreck macht oder Arbeit, das ist schade.

KinderKoch: Sie propagieren in Ihren Kochbüchern eine ganzheitliche Vollwert-Ernährung. Was ist darunter zu verstehen?

Edith Gätjen: Unter Vollwert-Ernährung verstehe ich eine naturbelassene Ernährungsform mit vielen frischen, unverpackten, fair gehandelten Lebensmitteln. Sodass nicht nur ich, sondern auch die Produzenten gesund davon leben können. Dass ich die Lebensmittel so auswähle, dass sie so umweltverträglich wie möglich sind, dass ich saisonal und regional einkaufe.

KinderKoch: Was hat Essen mit Umweltschutz zu tun?

Edith Gätjen: Ganz viel! Ob ich mich für Produkte aus kontrolliert biologischem Anbau entscheide oder weniger tierische Produkte esse, oder ob ich Produkte aus Massentierhaltung nicht esse und auf Nachhaltigkeit achte – das hat ganz viel mit Umweltschutz zu tun. Kinder sind dafür übrigens oft sehr empfänglich.

KinderKoch: Wie kaufe ich am besten ein?

Gemüse auf dem Wochenmarkt

Saisonal und regional auf dem Wochenmarkt einkaufen.

Edith Gätjen: Wie gesagt, saisonal und regional. Wenn es geht, auf dem Wochenmarkt, auch Gemüsekisten bestellen ist eine gute Möglichkeit. Ansonsten im Bio-Laden oder im Supermarkt auch immer auf die Verpackung achten.

KinderKoch: Sie selbst leben vegan. Ein gängiges Vorurteil ist, dass Veganer den halben Tag damit beschäftigt sind, sich Gedanken über das Essen zu machen. Ist veganes Leben aufwendig?

Edith Gätjen: Ich muss Sie korrigieren: Ich esse vegan, das ist ja dann immer noch ein Unterschied. Nein, ich finde es nicht aufwendig. Es ist ein Umdenken, und es hat mit Gewohnheit zu tun. Aber ja, ich kenne auch Leute, die viel darüber nachdenken. Ich persönlich bin aus der vegetarischen Vollwerternährung gekommen und habe mich vor etwa zehn Jahren aus gesundheitlichen Gründen für eine vegane Ernährungsweise entschieden, und das war dann für mich kein großer Akt.

Für mich bedeutet vegan essen aber nicht Verzicht, sondern Bereicherung! Ich werde oft gefragt, „was darfst du denn jetzt alles nicht mehr essen?“ Die Frage ist nicht, was darf ich nicht mehr essen, sondern welche Lebensmittel will ich nicht mehr essen. Und was darf ich alles Besonderes essen. Für mich ist da ein großer Schub an Bereicherung und Genuss dazugekommen: Die Bereicherung besteht darin, dass man neue Dinge ausprobiert, ganz

Nüsse

Nüsse und Samen sind eine Bereicherung.

besonders darin, dass die Welt der Gewürze, Kräuter und auch Samen und Nüsse noch einmal einen ganz neuen Stellenwert bekommt. Auch küchentechnisch ist veganes Essen eine Bereicherung, festzustellen, dass man Rührkuchen locker und schmackhaft zubereiten kann, oder auch sahnige Desserts …

 

KinderKoch: Sie geben Seminare zur veganen Ernährung – auch für schwangere Frauen, die ihre Babys von Anfang an vegan ernähren wollen. Wie kann vegane Kinderernährung funktionieren?

Edith Gätjen: Vegan in der Schwangerschaft funktioniert. Vegan in der Stillzeit funktioniert. Und vegan im ersten Lebensjahr funktioniert. Wobei ich betonen möchte: Ich spreche von einer veganen Vollwerternährung. Man kann ja auch vegane Ernährung gut oder schlecht machen.

Ab dem ersten Lebensjahr werden die Herausforderungen deutlich größer. Wenn Mutter und Kind sich im zweiten Lebensjahr entschließen können, noch zwei Muttermilch-Mahlzeiten pro Tag einzulegen, dann macht das die Sache wieder leichter. Ansonsten muss man sich natürlich viel mit dem Thema Ernährung beschäftigen, aber das hat die Mutter wohl auch vorher schon getan. Und dann kommt es natürlich auch immer darauf an: Was habe ich für ein Kind vor mir? Es gibt Kinder, die haben Spaß am Essen, die essen alles, was ich ihnen koche. Und es gibt Kinder, die schlechte Esser sind, die tragen ihre Entwicklungsschritte am Esstisch aus. Aber das hat man bei „herkömmlicher“ Ernährung auch.

Vegan im Kleinkindalter wirft natürlich auch andere Fragen auf: Wie ist das in der KiTa oder bei Freunden? Verbiete ich meinem Kind, auswärts Tierisches zu essen? Das ist aber für mich schon mehr eine familientherapeutische Frage, da geht es weniger ums Essen: Ist es ethisch vertretbar, dass man den Kindern das verbietet?

KinderKoch: Wie haben Sie das mit Ihren eigenen Kindern gehandhabt?

Edith Gätjen: Unsere Kinder waren alle vier hervorragende Esser. Wir haben sie vegetarisch ernährt, aber auswärts durften sie alles essen. Kinder sollen ja ihre eigenen Ideen entwickeln und eigene Entscheidungen treffen. Mein Ältester war einmal total entsetzt, als er auswärts einmal einen Erdbeerjoghurt gegessen hat: Er war gewohnt, dass Joghurt weiß ist und säuerlich schmeckt, weil es bei uns Naturjoghurt gab. Bei seinem Freund war der Erdbeerjoghurt rosa und süß.

Meine drei großen Kinder sind schon erwachsen und aus dem Haus. Sie sind alle unterschiedlich – zum Glück! – auch in ihren Geschmacksvorlieben. Aber sie kochen alle ordentlich und gut, mit viel frischem Obst und Gemüse. Das ist mir gelungen, weil ich es nie infrage gestellt habe (lacht). Zwei unserer Kinder essen Fleisch, allerdings nur aus artgerechter Haltung und nur sehr selten, ein Sohn isst vegetarisch und unsere Tochter, die auch noch bei uns wohnt, isst vegetarisch und ist auf dem Weg mehr und mehr vegan zu essen. Unsere Enkeltochter ist auch Vegetarierin. Es muss beim Thema Essen sehr viel Gelassenheit und Großzügigkeit geben – und Vertrauen.


Edith Gätjen ist Ernährungswissenschaftlerin. Sie gibt Seminare zu Säuglings- und Kinderernährung sowie zur veganen Vollwerternährung. Außerdem hat sie einige Kochbücher veröffentlicht, darunter „Das geniale Familienkochbuch“, „Das geniale vegetarische Familienkochbuch“, „Lotta lernt essen“ und „Lottas Lieblingsessen“. (ed)

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